Schon sehr früh, nämlich 1995, begann die Firma RÜMA in Hagen sich mit dem Thema familienfreundlichere und flexiblere Arbeitszeiten auseinanderzusetzen. Zug um Zug wurde das ganze Unternehmen umstrukturiert. "Insgesamt hat sich die Umstellung auf flexible Arbeitszeiten für uns gelohnt", ist sich Geschäftsführer Thomas Rüßmann sicher, "die Mitarbeiter sind motivierter, liefern bessere Arbeit, der Kundenservice wurde optimiert - beide Seiten haben gewonnen."
Viel lockerer sei es bei der Arbeit geworden, findet Lore Tillmann. "Der psychische Druck, das schlechte Gewissen ist einfach weg. Ich kann jetzt ganz entspannt und in Ruhe meine Arbeit machen, selbst, wenn ich mal kurz mein Auto in die Werkstatt bringen muss - dann gleiche ich das eben später wieder aus." Die personelle Einteilung in der Abteilung läuft gut. Die Frauen sprechen untereinander ab, wer wann kommt. Für alle Mitarbeiterinnen gilt allerdings: die Arbeit geht vor, erst wenn sie erledigt ist, kann an Freizeit gedacht werden. Zurück zu den alten starren Zeiten möchte hier nach neun Jahren flexibler Arbeitszeit niemand mehr.
Auslösendes Ereignis
Rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen beim Traditionsunternehmen RÜMA Feinkost dafür, dass die Einzel- und Großhändler sowie die Gastronomie täglich mit frischen Salaten, Dressings oder Fischspezialitäten beliefert werden.
Gegründet wurde der Betrieb der Familie Rüßmann 1919 in Dresden. Seit 1947 sind die Feinkostspezialisten in Hagen zu Hause. Doch nicht nur die Qualität der Produkte ist Thomas Rüßmann wichtig: "Für hohe Produktqualität braucht man auch qualifizierte, engagierte und motivierte Mitarbeiter", ist sich der Geschäftsführer sicher.
Bereits 1995 begann sich das Unternehmen daher mit dem Thema Arbeitszeitgestaltung zu beschäftigen. Vor zehn Jahren war der Betrieb damit einer der wenigen, die sich insbesondere mit der Thematik von familienfreundlichen Arbeitszeiten auseinander setzten. Ein Prozess, der sich gelohnt hat, wie Geschäftsführer Thomas Rüßmann bestätigt.
"Eine Kollegin hatte, wenn der Kindergarten mal ausfiel oder das Kind krank war, extreme Probleme, für Betreuung zu sorgen", erinnert sich Gabriele Liedtke, die heutige Prokuristin und Leiterin der EDV, "da gab es klaren Handlungsbedarf." RÜMA entschied sich für eine Arbeitszeitberatung.
Ziel
Ziel war es, die Verwaltung zu flexibilisieren und dynamischer zu gestalten und familienfreundlichere Arbeitszeiten umzusetzen.
Recht schnell wurde deutlich, dass die Realisierung von flexiblen Arbeitszeiten nur gelingen kann, wenn das Personal weiterqualifiziert wird. Die Vertretungsfrage musste von der bislang üblichen Urlaubsvertretung zu einer ständigen Vertretbarkeit perfektioniert werden.
Lösungsweg
Nach Rücksprache mit den Beschäftigten, die sich grundsätzlich mit dem Vorhaben einverstanden erklärten, wurde eine Arbeitsgruppe gebildet. Die damalige Betriebsratsvorsitzende Gabriele Liedtke, der Geschäftsführer, die Beraterin sowie Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Verwaltungsabteilungen entwickelten ein neues Arbeitszeitmodell. "Die Akzeptanz der Kolleginnen und Kollegen ist dringend notwendig. Wir haben den gesamten Prozess transparent gestaltet, damit alle Schritte der Veränderung nachvollziehbar bleiben", erinnert sich die ehemalige Betriebsratsvorsitzende. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Abteilungen trugen die erarbeiteten Ergebnisse weiter an die Kolleginnen und Kollegen. Dort wurden die Vorschläge diskutiert und kommentiert. Diese Anregungen wurden in der nächsten Sitzung der Arbeitsgruppe aufgenommen.
Die Arbeitsgruppe wählte die Abteilung "Telefonischer Verkauf" als Testgruppe aus. Der telefonische Verkauf besteht aus drei Mitarbeiterinnen, die täglich die Kunden kontaktieren und deren Bedarfe abfragen. Da viele kleinere Lebensmittelgeschäfte über Mittag schließen, werden die meisten Telefonate bis 13 Uhr geführt. Bis 13 Uhr können alle aktuellen Bestellungen in die EDV eingegeben werden und die Kunden erhalten eine Auslieferungsgarantie für den nächsten Tag.
Der alte starre Zeitplan sah eine Arbeitszeit von 7.45 - 16.15 Uhr vor. Die Testgruppe ging mit dem neuen Modell an den Start.
Es gab nun eine Eingleitspanne von 7.45-9.00 Uhr, eine Kernzeit mit Anwesenheitspflicht von 9.00 - 14.00 Uhr sowie eine Ausgleitspanne von
14.00 - 18.00 Uhr. Die Anwesenheit der Mitarbeiterinnen wird bei RÜMA durch eine Stechuhr dokumentiert.
Wenn die sie ihre Arbeit erledigt haben, können sie, nach dem neuen Modell, nach der Kernarbeitszeit nach Hause gehen. Dies war jedoch gar nicht so einfach zu realisieren, da die alten Gewohnheiten nicht so leicht abzuschütteln sind. Gabriele Liedtke war häufig Ansprechpartnerin. "Ich bin es seit Jahren gewohnt, ergebnisorientiert zu arbeiten, und konnte meine Erfahrung weitergeben; ich habe die Kolleginnen auch ermuntert, die neue Flexibilität zu nutzen."
Die Abteilung gewöhnte sich rasch an die neuen Freiräume, Aufgaben und Verantwortung. Nach drei Monaten war die Testphase erfolgreich beendet. Eine Abteilung nach der anderen wurde mit dem neuen Arbeitszeitmodell vertraut gemacht, und am 1. Mai 1996 konnte die neue Betriebsvereinbarung unterschrieben werden.
Nach einem guten Jahr wurde die Kernarbeitszeit aufgegeben. Die Beschäftigten verwendeten ihre Arbeitszeit flexibel und erzielten die gewünschten betrieblichen Ergebnisse, daher existiert heute nur noch ein Arbeitszeitrahmen von 7.45 - 18.00 Uhr. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen das Prinzip der Funktionszeiten und sorgen dafür, dass während der Funktionszeiten genügend qualifiziertes Personal im Einsatz ist. Welche Person jedoch wann anwesend ist, das machen die Teams untereinander aus.
Mit Hilfe von einem Arbeitszeitkonto, das 7 ¾ Plus- bzw. Minusstunden nicht überschreiten sollte, werden die flexiblen Arbeitszeiten verwaltet. Die Plusstunden sollten innerhalb von drei Monaten ausgeglichen werden. Für die Minusstunden, kann in Absprache mit der Personalabteilung, auch nachträglich Urlaub abgerechnet werden.
Erfolg
Familienfreundliche Arbeitszeiten sind ebenfalls ein wichtiges Ziel von RÜMA. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll gefördert werden, damit die Beschäftigten ihrer Arbeit ohne Hektik und Zeitstress, der durch die Koordination von Arbeit und Familienpflichten entsteht, nachgehen können. Familienfreundlichkeit wird bei Rüßmann jedoch nicht im engeren Sinne als Maßnahme für Eltern und Kinder definiert. Das gesamte soziale Umfeld der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist gemeint. "Wir hatten beispielsweise eine Mitarbeiterin, die eine große Katzenfreundin ist", erinnert sich Gabriele Liedtke, "sie kann zur Versorgung der Katzen genauso die Vorteile der flexiblen Arbeitszeiten nutzen wie die Mutter für ihre Kinder oder Ehrenamtliche für ihren Verein."
Teilzeitangebote, Jobsharing sowie die Funktionszeiten als solche ermöglichen eine verbesserte Work-Life-Balance und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn es jedoch mal eng wird, dann sind auch Einzelmaßnahmen bei der Firma Rüßmann vorgesehen. Kann ein Kind mal an einem Tag nicht extern betreut werden, dann kommt es eben mit ins Büro. "Das ist kein Problem", bestätigt die EDV-Leiterin Gabriele Liedtke. "Wenn die Mutter hier ihrer Arbeit nachgeht, dann sorgen wir schon dafür, dass das Kind beaufsichtigt wird." Auch bezahlte und unbezahlte Freistellungen, die beispielsweise bei längeren Erkrankungen von Familienangehörigen notwendig werden können, sind bei RÜMA in Hagen möglich.
Durch die neuen Arbeitszeiten ist die Arbeitszufriedenheit gestiegen und das Arbeitsklima hat sich deutlich verbessert.
Es gibt jetzt eine höhere Identifikation mit der Firma.
Die Fehlzeiten und Krankheitstage haben sich reduziert.
Die Beschäftigten liefern eine bessere Arbeitsqualität.
Das Unternehmen verzeichnet eine verbesserte Kundenorientierung.
RÜMA verfügt wegen der Fort- und Weiterbildungsoffensive über bestens qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.