Nadelstichverletzungen (NSV) stellen scheinbar ungefährliche Verletzungen dar "Ist ja nur ein Piekser...!?", aus denen sich jedoch zum Teil tödlich verlaufende Infektionen ableiten lassen. Hepatitis und HIV-Erkrankungen sind mögliche Krankheiten. Am Beispiel des Marienhospitals Vechta wird geschildert, wie sich Nadelstichverletzungen durch eine ganzheitliche und beteiligungsorientierte Präventionsarbeit vermeiden oder mindestens jedoch deutlich reduzieren lassen. Das Gute-Praxis-Beispiel ist entstanden aus einer Facharbeit anlässlich der Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der BGW.
Auslösendes Ereignis
Die Auswertung der Unfallberichte 2003 im Marienhospital Vechta ergab, dass die überwiegende Zahl auf Nadelstichverletzungen (NSV) zurück zu führen war. Nadelstichverletzungen werden hinsichtlich der mechanischen Gefährdung gern als unbedeutend anzusehen. Leider ist dies ein Trugschluss, denn im Bezug auf die biologische Gefährdung entsteht durch das Eindringen in den Körper ein Risiko, und zwar im Bezug auf die biologische Gefährdung durch eine Infektion von Hepatitis A / B / C, HIV und anderen.
Unter NSV sind alle Stich-, Schnitt- und Kratzverletzungen durch Nadeln, Messer, Skalpelle und andere scharfe Gegenstände zu sehen, die mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten kontaminiert sind. Das kalkulierte Risiko durch eine Nadelstichverletzung infiziert zu werden, liegt weltweit für Hepatitis B bei 1: 250, bei Hepatitis C 1 : 6.500 und bei HIV 1 : 650.000.
Bei einem typischen Nadelstich mit einer blutgefüllten Hohlnadel wird eine Blutmenge von etwa ein Mikroliter übertragen. 1ml Blut eines Hepatitis-B-Infizierten enthält bis zu 10 hoch 14 Viruskopien. Selbst wenn nur jede zehnte Viruskopie vermehrungsfähig ist, enthält ein Mikroliter immerhin „10 hoch 10“ potentiell infektiöse Erreger. Für die Infektion einer ungeimpften Person sind aber nur rund 100 vermehrungsfähige Viruskopien notwendig. Das bedeutet, dass ein Mikroliter immer noch genug Erreger erhält, um 10 hoch 8 Menschen zu infizieren.
Gerade, weil die mechnanische Gefährdung "... ist ja nur ein Piekser" häufig nicht als ursächlich für weitreichendere, gefährliche Krankheiten gesehen wird, hat die externe Fachkraft für Arbeitssicherheit Nadelstichverletzungen (NSV) den Kampf angesagt. Die Ermittlungen und Umsetzungen von Lösungen erfolgten im Rahmen der Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und wurden in einem Praktikumsbericht festgehalten.
Auffällig sind die häufigen NSV im Bereich der Entsorgung und Wäschereinigung. Deshalb wurde nicht die Handhabung von Kanülen auf Station bis zur endgültigen Entsorgung betrachtet.
Ziel
NSV werden mit Hilfe - geeigneter technischer Mittel, - eindeutiger Organisation der Arbeitsabläufe und - unter Verwendung von optimaler Persönlicher Schutzausrüstung auf das absolut mögliche Minimum in allen Arbeitssystemen des Krankenhauses reduziert.
Teilziel: Effiziente Arbeit des Arbeitsschutzzirkels NSV als operative Kraft.
Lösungsweg
1. Bildung einer Steuerungsgruppe unter Moderation der externen Fachkraft für Arbeitssicherheit, bestehend aus: Sicherheitsingenieur, Betriebsarzt, hygienebeauftragte Ärztin, Hygienefachkraft, Pflegedienstleitung. Im Projekt zog das Team den jeweiligen Abteilungsverantwortlichen des besuchten Bereichs hinzu. Aus dieser Steuerungsgruppe heraus gründete sich ein Arbeitsschutzzirkel NSV.
2. Durchführung von bereichsspezifischen Begehungen mit Dokumentation der Verhältnisse und des Verhaltens der Betroffenen.
3. Auswertung der Ermittlungen und Entwicklung von Lösungen (Maßnahmenplan) für Krankenstationen und Wäscherei.
4. Zu den näheren Lösungsalternativen gehörten folgende technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahen: 4.1 Marktanalyse und Erprobung von Sicherheitskanülen, insbesondere Erprobung des Handlings, was im Bezug auf herkömmliche Kanülen gewöhnungsbedürftig ist. 4.2 Marktanalyse und Erprobung verschiedener Abwurfbehälter und Erstellung einer Anforderungsübersicht; zum Beispiel: Sicherer nicht verstellbarerer Einlass, standsicher, durchstichsicher. 4.3 Verkürzung der Wege zum nächsten Abwurfbehälter / Entsorgestation, Erstellen und Vermitteln einer Arbeitsanweisung zur Entsorgung gebrauchter Kanülen, Begleitung in der Umgewöhnungszeit. 4.4 Höchstbefüllung von Abwurfkanistern wird festgelegt. Die Einstellung: "Einer geht noch rein...?!" wird durch Belehrung verändert. Es wird für ausreichende Kanister gesorgt. 4.5 Im Bezug auf die Wäscherei wird eine Marktanalyse zu durchstichsicheren Plastiksäcken für Schmutzwäsche (anstatt Stoffbeutel) durchgeführt, das geeingete Produkt beschafft. 4.6 Die Höchstbefüllung von Plastik-Wäschebeuteln wird auf die Hälfte ihrer Größe festgelegt. So können Säcke kontrollierter und rückenfreundlicher transportiert und gehandhabt werden. Die Handhabung beim Befüllen der Waschmaschinen wurde geübt, um den Kontakt mit verunreinigter Wäsche so gering wie möglich zu halten. Entsprechende Anweisungen wurden verschriftlicht und kommuniziert. 4.7 Für den Wäschetransport wurden neue seitlich geschlossene Kontainer beschafft. Berührungen mit spitzen Gegenständen, die aus vormals stoffbezogenen Kontainern herausragten, werden vermieden. Fazit: Zeitgleich wurden organisatorische und sicherheitstechnische Maßnahmen beschlossen und umgesetzt. Als feste Einrichtung verfolgt der Arbeitsschutzzirkel NSV alle Maßnahmen in regelmäßigen Zeitabständen.
Erfolg
Die Akzeptanz für die veränderten Arbeitsabläufe, zum Beispiel das Befüllen von Abwurfbehältern und Wäschesäcken, wurde erreicht. Alle Betroffenen richten sich nach den neuen Arbeitsanweisungen. In der Abteilung, in der Sicherheitskanülen erprobt werden, unterstützt die externe Sicherheitsfachkraft die Umsetzung und trifft auf hohe Wertschätzung - unabhängig vom Ausgang der Erprobung. Allein das ernsthafte Angehen des Themas NSV führte dazu, dass eine Bewußtseinsänderung bei den betroffenen Personen erfolgte. Dem Thema wird nun deutlich mehr Respekt gezollt als es vor dem Projekt der Fall war.
Die Maßnahmen zeigten eine hohe Akzeptanz und eine deutliche Verbesserung der Unfallbilanz, dass beschlossen wurde, die Arbeitsanweisungen zur Vermeidung von NSV in das Qualitätsmanagementsystem zu integrieren.